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Teil 3: Unterwegs mit dem Kinderhifswerk Ukraine

Nataschas verzweifelte Hoffnung auf ein besseres Leben

Eine Tagesfahrt entfernt liegt das Dorf Perebrody, unser heutiges Ausflugsziel. Die Fahrt gestaltet sich erneut anstrengend, denn die schlechten Strassen hindern uns am zügigen vorankommen. Dennoch nimmt Maria, die Leiterin des Kinderhilfswerk Ukraine, zweimal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich. Vor Ort will sie die vielen Witwen und ihre Kinder besuchen, die Teil ihres Kinderhilfswerk-Programms sind. Es sei von grosser Bedeutung, immer wieder selbst vor Ort zu sein und sich ein Bild von den Umständen zu machen, erklärt mir Maria. In diesem abgelegenen Dorf nahe der weissrussischen Grenze leben einige hundert Menschen und fast alle sind sie arbeitslos und müssen ohne jegliches Einkommen überleben. Die Leute müssen sich als Selbstversorger durchschlagen. Im Dorf gibt es zudem kein Krankenhaus oder jegliche andere ärztliche Versorgung. Alleine ein kleiner Gemischtwarenladen und natürlich eine Dorfkneipe hat das Dorf. Denn auch in Perebrody ist wie in der ganzen Ukraine der Alkohol ein weitverbreitetes und gravierendes soziales Problem.

Alkohol ist für die Familie, die wir heute besuchen, kein Erschwernis. Dennoch plagen sie andere Sorgen und Probleme. Im November 2010 ist der Vater und die Stützte der Familie an einem Herzinfarkt gestorben. Er hinterliess sieben Kinder und eine nun völlig verzweifelte Ehefrau. Natalja, die damals 35-jährigen Mutter der Grossfamilie, wurde von einem Augenblick auf den anderen den Boden unter den Füssen weggezogen. Anatoli, das jüngste Kind, war beim Tod des Vaters gerade mal vier Monate alt. Eine Welt brach für die Familie zusammen. Sie waren dringendst auf Hilfe angewiesen, als das Kinderhilfswerk Ukraine aktiv wurde und die Familie mit Lebensmitteln und Kleidern unterstützte. In der Ukraine gibt es kein funktionierendes Sozialsystem, das die Familie in der Zeit der Not hätte auffangen können. Wenn in einer solchen Situation keine andere Familie oder eine Hilfsorganisation helfend eingreift, ist das Leiden der betroffenen Menschen schier grenzenlos.

 

Nun sind die Jahre ins Land gezogen und die Kinder sind gross geworden. Natascha ist das älteste Kind und mittlerweile 15 Jahre alt und hat die Schule abgeschlossen. Ihr grosser Wunsch ist es, eine Berufsausbildung zu machen. Dies ist aber nur möglich, wenn sie unter der Woche wegzieht. Für Natalja ein unmöglicher Umstand, denn sie ist dringendst auf die Hilfe von Tochter Natascha angewiesen. Sie hat sich vom Tod ihres Mannes nie mehr richtig erholt. Während die zwei ältesten Brüder von Natascha den Hof führen, muss sie im Haushalt aushelfen und sich um ihre kleinen Geschwister kümmern.

Links im Bild umarmt sich Maria und Natascha
Links im Bild umarmt sich Maria und Natascha

Da stehen wir nun, Natascha schaut mit flehenden Augen Maria an und bittet sie doch ihr helfen zu mögen. Sie sehnt sich nach einer Ausbildung, einem Job, irgendwas, das sie aus ihrer Perspektivlosigkeit holt. Das Mädchen ist Maria in den letzten sieben Jahren sichtlich ans Herz gewachsen. Ihre Verzweiflung berührt Maria und sie sucht angestrengt nach einer Lösung. In einem langen Gespräch mit Natalja ringt Maria schliesslich der Mutter das Versprechen ab, Natascha nächstes Jahr die Möglichkeit zu geben, in der Mission des Hilfswerks eine Ausbildung beginnen zu dürfen. Dort erhält Natascha zudem kostenlos Unterkunft und Verpflegung, die das Hilfswerk Kindern aus armen Familien dank Spenden ermöglichen kann. Für Natascha ist dies ein kleiner Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft.

 

Mit diesem Versprechen verabschieden wir uns von Natascha und dem Rest der Familie. Maria bricht es fast das Herz, das weinende Mädchen zurückzulassen, die ihre ganze Hoffnung in sie gesetzt hat. Im Frühling wird Maria wiederkommen, um Natascha die Chance zu bieten, die sie ansonsten wohl nie erhalten hätte.

 

Daniëlle Blöchlinger, Geschäftsinhaberin Balu Köniz und Bümpliz

 

30. November 2017

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Teil 2: Unterwegs mit dem Kinderhifswerk Ukraine

Freudig glänzende Kinderaugen an einem trostlosen Ort

Heute steht der Besuch bei der kleinen Maria an. Die Fahrt zu dem 6-jährigen Mädchen nach Kaprilovka, im Nordwesten der Ukraine, ist eine grosse Herausforderung. Die Distanz beträgt zwar nur gute 25 km, aber die Strassenverhältnisse sind wie zu oft schlicht katastrophal. Sämtliche Strassen in dieser Region, die in die weit verstreuten Dörfer führen sind nicht asphaltiert und von tiefen Schlaglöchern gesäumt. Wie auch heute, sind die Löcher öfters mit Regenwasser gefüllt. Unser Fahrer Victor ist hier aufgewachsen und kennt die tückischen Strassenverhältnisse und so kommen wir sicher im Dorf an.

Maria erwartet uns schon. Als sie ihre Namensvetterin, die Leiterin des Kinderhilfswerk Ukraine, erblickt, rennt sie voller Freude auf ihre Besucher zu. Herzhaft umarmen sich die beiden Marias. «Solche Begegnungen lassen mich immer wieder die vielen Anstrengungen vergessen», erzählt mir die grosse Maria sichtlich gerührt. Das kleine Mädchen lebt mit ihren Eltern in einem einzigen Raum in einer alten, schäbigen Hütte am Waldrand. Der verwahrloste Zustand Marias ist nur schwer zu verdauen. Die Eltern des Mädchens sind beide geistig etwas eingeschränkt. Zwar lieben sie ihre Tochter sehr, doch die Lebensbedingungen sind für unsere Verhältnisse nicht tragbar, für die kleine Maria aber bitterer Alltag.

Aufgeregt hüpft das Mädchen hin und her und will uns zeigen, was sie in der ersten Klasse bereits alles gelernt hat. Maria ist ein aufgewecktes und intelligentes Mädchen, kann bereits lesen und schreiben und ist sichtlich stolz darauf. Dennoch sieht ihre Zukunft alles andere als erfolgsversprechend aus. Aus dem Teufelskreis der vererbten Armut auszutreten, bleibt eine Herkulesaufgabe für die heranwachsenden Kinder dieser Region.

Klohäuschen
Klohäuschen

Valentin, ein junger Mann, der uns auch auf der Reise begleitet, ist fassungslos. Er hat die äusserst schäbige Toilette entdeckt, die sich ausserhalb der Hütte, besser gesagt im angrenzenden Wald befindet. Ein paar hilfsbedürftig an einander gezimmerte Bretter müssen zur Verrichtung der Notdurft ausreichen. Einmal mehr wird uns unser extremer Luxus bewusst, in dem wir alle leben.

Maria auf ihrem neuen Fahrrad
Maria auf ihrem neuen Fahrrad

Unser Besuch bei der Familie ist etwas Besonderes. Gäste aus dem Ausland empfängt im Dorf sonst nie jemand, nur die kleine Maria. Das Mädchen platzt fast vor Freude, als sie erfährt, dass wir ihr ein neues Fahrrad mitgebracht haben. Schnell wie der Blitz saust Maria aus dem Haus, holt ihr altes Fahrrad aus dem Schopf, um es uns zurückzugeben und dann mit glänzenden Augen das neue entgegen zu nehmen. Schwups sitzt Maria auch schon auf dem Sattel und fährt durch den Garten, in den Wald und wieder zurück. Sie freut sich nun zukünftig den langen Schulweg mit ihrem neuen Fahrrad zurücklegen zu können. Wir sehen ihr alle zu und freuen uns mit ihr mit. Trotz erneut aufwühlender Eindrücke war es wieder ein schöner und erfolgreicher Tag.

 

Daniëlle Blöchlinger,

 

Geschäftsinhaberin Kinderkleiderbörse Balu Köniz und Bümpliz

 

28. November 2017

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Teil 1: Unterwegs mit dem Kinderhifswerk Ukraine

Bittere Armut am Rande Europas

Ich stehe in einem kleinen Häuschen, das sich in einem erschreckend erbärmlichen Zustand befindet. Die beissende Kälte dringt durch die schlecht isolierten Wände der renovationsbedürftigen Behausung. Strilsk heisst das Dorf im Nordwesten der Ukraine, indem ich mich befinde. Im ganzen Dorf gibt es weder fliessend Wasser, noch eine Kanalisation. Um sich zu waschen, müssen die Bewohner zuerst draussen am Brunnen Wasser holen und dieses mühsam am Holzherd erhitzten. Für westeuropäische Standards ist eine solche Lebenssituation undenkbar, doch für die Menschen in Strilsk leider bitterer Alltag.

In der nahegelegenen Kleinstadt Sarny befindet sich eine Mission. Hier habe ich für eine Woche Unterschlupf gefunden. Es ist bereits das zweite Mal, dass ich diese Reise auf mich genommen habe. An meiner Seite ist stets Maria, die Leiterin des Kinderhilfswerk Ukraine, an welche die Kinderkleiderbörse Balu fortlaufend die nichtverkauften Waren ihrer Kunden spendet. Als Besitzerin der Börse Balu ist es mir ein Anliegen, mir selbst ein Bild über die Umstände vor Ort zu machen, an den die nicht veräusserten Waren meiner Kundschaft verschickt werden. Bei jedem Besuch in einer dieser kläglichen Behausungen oder bei jedem Treffen einer Familie, von der jede ihr eigenes tragisches Schicksal trägt, wird mir die Wichtigkeit des Hilfswerks immer mehr bewusst. Vor allem die selbstlose Arbeit von Maria sowie auch jegliche gespendete Jacke, Hose oder T-Shirt unserer Kunden bedeutet hier Leben – oder viel mehr Überleben.

 

Als Kunden der Kinderkleiderbörse Balu stellt ihr ein direktes Glied in dieser Spendenkette dar. Deshalb möchte ich jeden Tag während meines mehrtägigen Aufenthaltes eine Familie porträtieren und ihre Geschichte erzählen. Ich hoffe so, den Balu-Kunden einen Eindruck vermitteln zu können, wie wichtig ihre Spende für die Menschen rund um Sarny ist. Bitterer Armut stellt leider in manchen Teilen Europas immer noch ein gravierendes soziales Problem dar.

Also hier bin ich, in einer spärlichen Behausung mitten in Strilsk. Vor mir steht das zwölfjährige Mädchen Julia. Freudig umarmt sie zur Begrüssung Maria. Ein herzhafter Moment, der aber nicht über den verwahrlosten Zustand des Kindes hinwegtäuschen kann. Ihr Vater wurde vor acht Jahren erschlagen im Garten aufgefunden. Vom Täter fehlt nach wie vor jede Spur. Julias Vater war in seiner Perspektivlosigkeit wie viele in der Region dem Alkohol verfallen und hatte ein äusserst aggressives Naturell. Natascha, die Mutter von Julia, soll sich nun alleine um das Kind kümmern. Julias älterer Bruder ist bereits weggezogen und dient im Militär. Doch leider hat der Alkohol auch Natascha fest im Griff. Zwar ist sie nicht aggressiv gegenüber ihrem Kind, doch die Sucht hinterlässt ihre Spuren. Natascha ist kaum mehr in der Lage, sich um Julia zu kümmern. Sie versuchte bereits mehrmals von der Flasche loszukommen, doch alle Anstrengungen waren vergebens. Ein Urteil zu fällen, getraue ich mich aber nicht. Dafür ist die soziale und politische Situation in diesem nördlichen Teil der Ukraine zu komplex und prekär.

In einer kleinen Kochnische köchelt ein Pilzgericht vor sich hin, das gleich mit ein wenig Brot verspeist werden soll. Die Nahrungsmittel neigen sich dem Ende zu. Der Kühlschrank ist leer, Vorräte gibt es keine. Umso grösser ist die Erleichterung über das mitgebrachte Lebensmittelpaket, das die kleine Familie monatlich aufgrund einer Patenschaft erhält. «Es berührt nach all den Jahren immer noch mein Herz, wenn sich die Kinder über das mitgebrachte Essen freuen», erzählt mir Maria. «Einmal mehr zeigt mir diese Erfahrung, wie wichtig so eine monatliche Patenschaft für diese Menschen ist. Es verdeutlicht mir, dass diese Hilfe sinnvoll und wichtig ist.» Weiter erklärt mir Maria, dass eine Patenschaft 30 Euro monatlich kostet. Davon werden 25 Euro für die Familie an Essen ausgegeben. Die restlichen fünf Euro werden für weitere Kosten, wie beispielsweise für einen allfälligen Arztbesuch, gespart.

 

Wir verlassen Julia und Natascha wieder und folgen einer holprigen Strasse zurück in die Mission. Morgen stehen wieder weitere Familienbesuche an. Wir werden wieder Menschen treffen, die alle ihre eigene Geschichte zu erzählen haben. Für die Interessierten, werde ich bereits morgen den 2. Teil meines Aufenthaltes in der Nordwestukraine veröffentlichen.

 

Daniëlle Blöchlinger,

 

Geschäftsinhaberin Kinderkleiderbörse Balu Köniz und Bümpliz

 

27. November 2017